Wir haben gelernt, der Zahl mehr zu trauen als dem Gefühl.
Wenn Daten verlässlicher werden als das Gefühl
Das MuC-Thema Transforming Interactions fragt, wie digitale Technologien individuellen und gesellschaftlichen Wandel prägen. Den Hintergrund unseres Workshops bildet ein gesellschaftliches Unbehagen:
Diese Zahlen sind keine bloßen medizinischen Statistiken — sie verweisen auf eine kulturelle Verfassung: eine Logik der Optimierung. Der ständige Druck, zu leisten, zu quantifizieren und sich zu verbessern, prägt Arbeit, Alltag und Selbstbild — und trägt zu Erschöpfung und Überforderung bei.
Self-Tracking ist Symptom und Verstärker dieser Logik — nicht ihre alleinige Ursache. Es übersetzt selbst Schlaf, Erholung und Wohlbefinden in Kennzahlen und verschiebt die Aufmerksamkeit vom inneren Empfinden auf messbare Werte — und verdrängt dabei genau jenes intuitive, körperliche Wissen, um das es im Workshop geht. Der eigentliche Designfehler: Die Technik untergräbt die Fähigkeit, die sie zu stützen verspricht.
Kurz gesagt
- Entscheidungen fallen zunehmend datengetrieben — intuitives, körperliches Wissen gilt als unzuverlässig.
- Self-Tracking vermisst das Selbst und verdrängt das Gespür für innere Zustände.
- Was verloren geht, ist Tacit Knowledge: verkörpertes Wissen, das sich nicht in Zahlen fassen lässt.
Das Szenario
Anna wacht auf und fühlt sich nicht erholt. Ihre Smartwatch meldet beste Werte — doch ihr Körper sagt etwas anderes. Zwei Quellen, zwei Lesarten desselben Morgens:
Die Uhr sagt
98 % Erholung
erholt · bereit · im Plan
Das Whispering Interface signalisiert
ein sanftes, langsames Leuchten
Begleitet von einer kaum spürbaren Vibration — kein Alarm und keine Messung, nur ein leiser Hinweis, einen Moment innezuhalten und zu spüren.
Ob Anna ihre Termine wie geplant durchzieht oder den Tag ruhiger angeht und auf sich achtet, bleibt ihre Entscheidung. Das Interface nimmt sie ihr nicht ab — es macht nur die Frage selbst wieder möglich: nicht wie performe ich heute, sondern was brauche ich eigentlich?
Ein Interface, das spiegelt, statt zu messen
Ein spekulativer EntwurfKein Produkt, sondern ein fiktives Artefakt — ein Werkzeug, um über eine mögliche Zukunft nachzudenken und Fragen zu stellen. expand_more
Das Whispering Interface ist kein reales Produkt, sondern ein spekulativer Entwurf (Dunne & Raby 2013) — ein fiktives Artefakt, angesiedelt in einer möglichen Zukunft, in der Verbundenheit und Intuition mehr zählen als Effizienz und Kontrolle. Spekulatives Design liefert keine fertige Lösung; es macht eine denkbare Zukunft vorstellbar, um Fragen aufzuwerfen und eine Diskussion anzustoßen: Was wäre, wenn wir Entscheidungen wieder auf unsere Intuition gründen statt auf Messwerte? Wie sähe Technik aus, die als Resonanzraum wirkt statt als Optimierungswerkzeug (Rosa 2022)?
Der resonante SteinIm Zentrum steht ein Stein, der sich der Vermessung entzieht und Wissen trägt. expand_more
In dieser Zukunft steht ein resonanter Stein im Zentrum, nah am Körper getragen. Steine sind alt, uneilig und entziehen sich der Quantifizierung; über Kulturen hinweg tragen sie Wissen und Erinnerung. Teil dieser Fiktion ist eine bewusst poetische Vorstellung: Nicht der Mensch sucht das Interface — der Stein begegnet der Person, wenn sie innerlich bereit für ihn ist.
Zeremonielle GestaltungJeder Stein wird persönlich gefasst — Licht und Vibration verborgen, kein Stück wie das andere. expand_more
Das Interface entsteht in zeremoniellen Workshops: Menschen personalisieren ihren Stein und geben ihm eine individuelle Fassung — als Kette, Armband oder in Kleidung eingelassen —, in der die Technik für Licht und Vibration verborgen liegt, die den Stein überhaupt erst zum Interface macht. Kein Stück gleicht dem anderen; aus diesem Akt des Gestaltens erwächst eine persönliche Beziehung.
Das Konzept wurde als Provokation bei ACM DIS 2026 vorgestellt; dieser Workshop ist seine partizipative Fortsetzung. Das vollständige Paper lesen ↗
light_modeLicht
Farbiges, pulsierendes Licht spiegelt einen inneren Zustand — in Intensität, Rhythmus und Farbe, ohne je eine Bedeutung festzuschreiben. Es liegt am Rand der Aufmerksamkeit: bemerkt, nicht gelesen.
vibrationVibration
In Momenten der Dissonanz ein körperlich spürbares Signal — keine Diagnose, kein Urteil, nur eine Einladung, innezuhalten und dem nachzuspüren, was ohnehin schon da ist.
Was es bewusst nicht tut
The Whispering Interface ist als Übergangstechnologie gedacht. Seine tiefste Funktion ist es, sich selbst überflüssig zu machen: Sobald es Menschen wieder gelehrt hat, aus der eigenen Intuition heraus zu handeln, hat es seinen Zweck erfüllt — und darf verschwinden.
Mehr Fragen als Antworten
The Whispering Interface ist eine Provokation, kein fertiges Produkt — und es wirft Spannungen auf, die es bewusst nicht auflöst. Genau sie sind der Stoff, über den der Workshop gemeinsam nachdenkt.
Autonomie & VerantwortungKann ein Interface uns spiegeln, ohne uns heimlich zu steuern? expand_more
Das Interface gibt keine Anweisungen, es spiegelt nur — die Verantwortung bleibt beim Menschen. Doch schon das Sichtbarmachen innerer Dissonanz kann zur stillen Erwartung werden und damit zu subtiler Steuerung. Und wer definiert eigentlich, was „innere Stimmigkeit" ist? Ein Interface, das sich nicht abschalten ließe, widerspräche der Autonomie, die es verspricht.
Vertrauen & ManipulationWas, wenn ausgerechnet das Vertrauen zur Angriffsfläche wird? expand_more
Gerade weil das Konzept nichts speichert und nichts vernetzt, lebt es von tiefem Vertrauen. Dieselbe Qualität macht es angreifbar: Eine Version, die heimlich emotionale Zustände aufzeichnete, wäre ein besonders wirksames Manipulationsinstrument — weil sie unterhalb der bewussten Kontrolle ansetzt.
Wohlbefinden jenseits der OptimierungLässt sich Wohlbefinden optimieren — oder beginnt es erst, wenn wir damit aufhören? expand_more
Das Interface behandelt keine Symptome. Es setzt tiefer an, indem es die Optimierungslogik selbst verweigert: Es gibt keine Kennzahl zu verbessern. Was wäre, wenn Wohlbefinden kein zu optimierender Parameter ist, sondern eine Qualität, die entsteht, wenn das Optimieren aufhört?
Gesellschaftliche TransformationWas würde es mit einer Gesellschaft machen, die auf Intuition baut statt auf Effizienz? expand_more
Würden Menschen nach innerer Stimmigkeit statt nach Effizienz handeln, könnte das bestehende ökonomische Logiken destabilisieren — lesbar als utopisches Potenzial wie als Risiko. Das Interface deutet auf ein Paradigma jenseits klassischer Interaktion: Technik, die die Beziehung zwischen Mensch und Welt nicht vermessen und steuern will, sondern sich bewusst zurücknimmt.
Worum es geht
Die konzeptionellen und methodischen Anker, an denen der Workshop arbeitet — knapp umrissen:
- Spekulatives DesignDunne & Raby
- Fiktive Artefakte, die mögliche Zukünfte denkbar machen und zur Diskussion stellen.
- Intuition & Tacit KnowledgePolanyi
- Verkörpertes, implizites Wissen, das sich der Quantifizierung entzieht.
- ResonanzRosa
- Ein Weltverhältnis, das sich nicht erzwingen lässt — es kann nur entstehen.
- Calm TechnologyWeiser & Brown
- Technik am Rand der Aufmerksamkeit: informierend, ohne zu überfordern.
- Stille als ErkenntnismittelMthoko et al. 2025
- Nichtsprachliches, reflexives Innehalten als eigene Form des Wissens.
- Joy of PauseWorkshop-Prinzip
- Gestalten für das Innehalten — die Umkehrung des HCI-Prinzips „Joy of Use".
Wie wir arbeiten
15 Min.
Einführung & spekulatives Szenario
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15 Min.
Einführung & spekulatives Szenario
Die Organisator:innen stellen Projekt, theoretische Grundlagen und die spekulative Zukunft des Artefakts vor und ordnen spekulatives Design als kritische Praxis im Bezug zum Thema Transforming Interactions ein.
15 Min.
Beiträge der Teilnehmenden
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15 Min.
Beiträge der Teilnehmenden
Wer ein Position Paper, einen Sketch oder Visual Essay eingereicht hat, bringt seine Perspektive als kurzen Impuls ein. So entsteht ein gemeinsamer Ausgangspunkt, und die Vielfalt der Hintergründe wird sichtbar.
15 Min.
Intuitive Wahl des Steins
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15 Min.
Intuitive Wahl des Steins
Jede:r wählt aus einer kuratierten Sammlung von Natur- und Halbedelsteinen intuitiv einen Stein — geleitet vom Gefühl, nicht vom Aussehen.
45 Min.
Design-Phase
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45 Min.
Design-Phase
Mit bereitliegenden Materialien (Draht, Stoff, Naturmaterialien, Stifte) gestaltet jede:r eine persönliche Fassung für den Stein — in Anlehnung an den zeremoniellen Akt des Konzepts. Im Mittelpunkt steht der Prozess des Innehaltens, nicht das ästhetische Ergebnis; Gespräch ist möglich, Stille ebenso.
15 Min.
Pause
35 Min.
Geführte Reflexion in Kleingruppen
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35 Min.
Geführte Reflexion in Kleingruppen
In kleinen Gruppen von etwa fünf Personen — das Artefakt in der Hand — tauschen sich die Teilnehmenden zunächst über ihre eigenen Erfahrungen aus: Wo begegnen ihnen Intuition und Selbstvermessung im Alltag? Erst danach lenkt eine Leitfrage den Blick auf eine konkrete Situation, in der sie gegen ihr Bauchgefühl gehandelt haben — und was anders gewesen wäre, wären sie ihrer Intuition gefolgt. Der kleine, vertraute Rahmen schafft Raum für persönliche, offene Schilderungen.
45 Min.
Gemeinsame Diskussion im Plenum
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45 Min.
Gemeinsame Diskussion im Plenum
In der großen Runde führen die Gruppen ihre Einsichten zusammen. Aus den einzelnen Geschichten werden gemeinsame Muster und Spannungen sichtbar — der Schritt vom persönlichen Erleben zur geteilten Frage. Hier verbinden sich die Erfahrungen mit dem Konferenz-Thema Transforming Interactions.
30 Min.
Lessons Learned & Joy of Pause
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30 Min.
Lessons Learned & Joy of Pause
Zum Abschluss übersetzen die Teilnehmenden — noch einmal in Kleingruppen — die Erkenntnisse ins Konkrete: Sie übertragen das Prinzip des Innehaltens, die Kerngeste des Whispering Interface, auf bestehende oder künftige Geräte und Dienste und skizzieren kurze Design-Prinzipien, die sie in der Schlussrunde vorstellen. Den Ausklang bildet das Prinzip Joy of Pause: der bewusste Wert des Innehaltens.
An wen sich der Workshop richtet
Der Workshop richtet sich an Forschende, Designer:innen und Praktiker:innen aus HCI, Interaction Design und angrenzenden Feldern — sowohl an Personen mit Erfahrung im Feld als auch an solche, die das Thema neu für sich erkunden möchten. 15–20 Teilnehmende.
Die haptische Auswahl des Steins und flexible Gestaltungsmöglichkeiten berücksichtigen unterschiedliche Fähigkeiten. Die Teilnahme ist freiwillig; Pausen oder Rückzug sind jederzeit möglich. Fotos und Videos nur mit explizitem Einverständnis.
Wer den Workshop leitet
Kontaktperson
Lisa Narewski
Westfälische Hochschule · Fachbereich Informatik und Kommunikation, Gelsenkirchen
Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Masterstudentin im Studiengang Medieninformatik. Forschungsschwerpunkte: Mensch-Computer-Interaktion und Speculative Design — wie Design soziale und technische Strukturen kritisch befragt.
LinkedIn ↗Organisatorin
Prof. Katja Becker
Westfälische Hochschule · Fachbereich Informatik und Kommunikation, Gelsenkirchen
Seit 2017 Professorin für Medien- und Interface-Design an der Westfälischen Hochschule. Forschungsschwerpunkte: partizipatives, inklusives Design, Social Innovation und die Übersetzung komplexer Technologien in zugängliche, nutzer:innen-zentrierte Lösungen. Umfangreiche Erfahrung mit partizipativen Lehrformaten und innovativen Workshop-Konzepten.
LinkedIn ↗Dank an Robin Arndt, Harriha Krishnamoorthy und Christian Fuchs für ihre Beiträge zur Entwicklung des Konzepts The Whispering Interface.
Beitrag einreichen
Wir laden Forschende, Designer:innen und Praktiker:innen ein, am Workshop The Whispering Interface bei Mensch und Computer 2026 teilzunehmen. Im Anschluss an das Thema Transforming Interactions fragen wir gemeinsam: Was geschieht, wenn sich das Verhältnis zwischen Mensch und Technik verschiebt — von Optimierung zu Resonanz, von Datafizierung zu verkörperter Selbstbegegnung?
Offener Workshop: Die Anmeldung steht allen offen — eine Einreichung ist optional, aber willkommen und hilft uns, die Gruppe zusammenzustellen.
Was wir suchen
Einreichung
Fragen? lisa.narewski@w-hs.de
Mindestens ein:e Autor:in einer angenommenen Einreichung nimmt am Workshop teil und registriert sich für mindestens einen Konferenztag. Die Auswahl erfolgt nach Passung, Qualität und dem Potenzial für eine produktive Diskussion.
Fristen auf einen Blick
16.07.2026
Einreichungsfrist (AoE)
23.07.2026
Benachrichtigung der Autor:innen
30.07.2026
Camera-Ready — nur bei Veröffentlichung im Workshopband (GI Digital Library)
30.08.2026
Workshop-Tag · Sonntag, MuC 2026 in Duisburg
AoE = Anywhere on Earth: Einreichung bis 23:59 Uhr in der spätesten Zeitzone. Die Termine sind vorläufig und können sich noch geringfügig ändern.
Fragen?
Bei Rückfragen zum Workshop oder zur Einreichung schreiben Sie direkt an Lisa Narewski (Hauptansprechperson): lisa.narewski@w-hs.de.
Eingebettet in Mensch und Computer 2026
Mensch und Computer ist die jährliche Fachtagung der Gesellschaft für Informatik (GI) im Bereich Mensch-Computer-Interaktion. Die Ausgabe 2026 findet vom 30. August bis 2. September 2026 an der Universität Duisburg-Essen statt — unter dem Thema Transforming Interactions. Unser Workshop ist Teil des Sonntag-Programms zum Konferenzauftakt.